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Icon26.01.2017 19:59 by kautz

Der eSport soll sich also niederlassen...

imageDie gesamte eSport-Welt jubelte, als im September 2016 angekündigt wurde, dass das NBA-Team Philadelphia 76ers den britischen Traditionsclan Team Dignitas kauft – wieder einer der zahllosen Schritte des eSport raus aus der Nische und rein in die gesellschaftliche Mitte, und diesmal ein großer! Nur einen Monat später konnte das dänische CS:GO-Lineup von Dignitas sich gegen die anderen Top-Teams der Welt durchsetzen und das vielbeachtete EPICENTER-Event gewinnen. 


Man sollte meinen, dass der Sieg des dänischen Teams, welches seitdem weltweit als Top-5-Kandidat gehandelt wird, in gewisser Weise eine Rechtfertigung der Transaktion und Genugtuung für die Käufer war. Umso größer war die Überraschung, als Dignitas im Dezember 2016 völlig unvermittelt ankündigte, sich vom erfolgreichen CS:GO-Team zu trennen. Man wolle ein neues, ausdrücklich nordamerikanisches Team aufbauen, so die Begründung.

Schon seit Jahren scheint der eSport unaufhörlich zu wachsen. Und weil jeder ein Stück vom Kuchen abhaben will, kommt der endlose Geldregen aus allen Richtungen: von russischen Oligarchen (Alisher Usmanov – VP, SK, EPICENTER uvm.) über "Venture Capital"-Firmen bis zu großen Sponsoren (Audi bei Astralis, VISA bei SK), die man sich vor ein paar Jahren im eSport nicht hätte vorstellen können.

Kommentar: Sportvereine? Machen mehr kaputt als dass sie helfen

Auch die großen Sportvereine diesseits des Atlantik lassen sich die Gelegenheit natürlich nicht entgehen: Schalke und PSG haben League of Legends-Teams, Wolfsburg setzt auf Fifa und auch die dänischen Spieler, die nicht in den nordamerikanischen Markt gepasst haben, sind dann eben in ihrem eigenen Land bei einem großen Sportverein untergekommen, dem FC Kopenhagen. Natürlich wird das ganze Geld nicht ausgegeben, weil die hohen Tiere plötzliche ihre Liebe zum eSport entdeckt haben, sondern weil sie darauf hoffen, dass sich damit mehr Geld verdienen lässt. Das gesicherte Kuchenstück soll wachsen und sich irgendwann bezahlt machen. Und damit das geschieht, da sind sich die Geldgeber einig, muss eines passieren: Der eSport soll sich gefälligst niederlassen.

Der eSport soll weiter wachsen

Wenn sich das Geschäft lohnen soll, dann muss der eSport sein rasantes Wachstum beibehalten und mehr Nachfrage generieren. Das heißt die im Schalke-Trikot zum Turnier fahren und mehr Hände, die mit Tüten aus dem eigens eingerichteten MediaMarkt über die Dreamhack Leipzig laufen – mehr Fans also.

Und diese Fans, das meint man beim traditionellen Sport gelernt zu haben, generiert man mit lokaler und regionaler Bindung. Die virtuelle Welt soll mit der materiellen verschmelzen und jeder sein eigenes Heimat-Team bekommen. Wer noch nicht so richtig vom eSport überzeugt ist, den kann man vielleicht am Schlafittchen des Lokalpatriotismus packen und mit in die begeisterte Nerdmenge schleifen. Die bestehenden Fans wird es schon nicht so sehr stören, dass sie plötzlich ihr Fantum niederlegen.

Genau dieser Logik folgt auch Blizzards neue Overwatch-Liga. Ein Franchisemodell soll es werden, mit Teams die an, zunächst mal nur nordamerikanische, Städte gebunden sind. Diejenigen, die schon etwas länger dabei sind, bekommen bei dem Wort Franchise in Verbindung mit eSports sofort posttraumatische Flashbacks. Schon vor ziemlich genau zehn Jahren gab es den Versuch, eSport mit Hilfe großer Geldbeträge und eines Franchisemodells Mami, Papi und der Schwester nahezubringen – die Championship Gaming Series, kurz CGS.



Franchise-Debakel CGS

Teams trugen Namen wie L.A. compLexity, Berlin Allianz und Stockholm Magnetik und wurden geleitet von Leuten wie Michael 'ODEE' O'Dell (vom erwähnten Dignitas), Emil 'Heaton' Christensen und Jason '1' Lake, der compLexity auch direkt an die CGS verkaufte. Machen wir’s kurz: Die ganze Sache war ein katastrophaler Reinfall und hat ihren Teil zum Platzen der eSport-Blase Ende der Nuller-Jahre beigetragen.

Eine solche lokale Bindung steht eigentlich auch allem entgegen, was eSport ausmacht. Er basiert auf dem Internet und ist global. Was ihn einzigartig macht, ist gerade der Umstand, dass er nicht ortsbasiert ist. Wer online spielt, der spielt mit Spielern aus der ganzen Welt. Spieler aus Deutschland spielen, anders als im traditionellen Sport, von Anfang an nicht nur gegen Spieler aus Gelsenkirchen, Frankfurt und München, sondern gegen Spieler aus Frankreich, Schweden und Großbritannien – das einzige echte Limit ist der Ping.

Es gibt kein lokales Trainingsgelände, auf dem Teams sich zum Training treffen müssen, keine Heim- und Auswärtsspiele. Selbst wenn sich die Tendenz, Teams aus dem eigenen Land zu unterstützen, nicht abstreiten lässt (auf geht’s, ab geht’s, mouz geht’s!), so hört der Lokalpatriotismus im eSport genau dort auch wieder auf. Nationale Szenen haben im eSport über die Zeit hinweg nicht an Bedeutung gewonnen, sondern verloren (Grüße an die ESL Pro Series).

Was macht das Franchisesystem mit der Overwatch-Szene?


Internationale Lineups waren vor fünf Jahren noch ein wagemutiges Experiment und sind mittlerweile ganz normal. Obwohl die World Cyber Games (WCG) in den Anfangstagen des eSport mit nationalen Teams erfolgreich waren, sind die World Esports Games (WESG) vor kurzem trotz Rekordpreisgeld zu einer Farce verkommen, da die bestmöglichen, oft internationalen Lineups nicht teilnehmen konnten. Entsprechend finden Rivalitäten im eSport auch nicht lokal, regional oder national statt, sondern kontinental. Es gibt kein Berlin gegen Hamburg oder Schweden gegen Frankreich, sondern EU gegen NA gegen Asien. Und natürlich alle gegen Korea.

Bei der CGS war der ortsbasierte Franchiseansatz bei weitem nicht das einzige Problem oder gar der alleinige Faktor für den Flop der Liga und das folgende Platzen der Blase, aber dass er Schaden anrichten kann, zeigt sich aktuell bei Overwatch: Blizzards Liga liegt noch mindestens ein halbes Jahr in der Zukunft, doch alleine durch die Ankündigung hat Blizzard die europäische Szene zum Tode verurteilt.

Obwohl die besten Teams aus Europa kommen (zumindest bis die Koreaner wieder alles dominieren), müssen europäische Teams, wie kürzlich REUNITED, die Pforten schließen. Es gibt keine Turniere in Europa und Teams trauen sich nicht mehr, Transfers zu tätigen, da sie nicht wissen, ob sie ins Franchisesystem aufgenommen werden. In der ersten Saison werden die europäischen Topteams allesamt nach Nordamerika ziehen und Europa wird in Sachen Overwatch völlig leergefegt sein. Selbst wenn Europa und Asien in der zweiten oder dritten Saison dazukommen – werden die Spieler wieder zurückkehren? Und wo sollen die guten Spieler für die zusätzlichen Franchises alle herkommen? Die Unsicherheit bleibt.

Lokalpatriotismus ist nicht alles

Trotzdem ist ein gewisser Teil der Logik nicht auszuschlagen. Wer jetzt schon eSport-Fan ist, wird nicht plötzlich aufhören, einer zu sein, nur weil jetzt eine Stadt oder ein Verein vor dem Teamnamen steht. Und wer Fan von Schalke ist, der hat zumindest eine höhere Chance, auch Fan des League of Legends-Teams von Schalke zu werden. Wie viel höher diese Chance wirklich ist, bleibt allerdings fraglich.

Die starke Anhängerschaft für Fußball hierzulande (und andere Sportarten z. B. in den USA) basiert vor allem darauf, dass fast jedes Kind irgendwann mal im Fußballverein war oder zumindest mit seinen Freunden auf dem Bolzplatz gekickt hat. Wer noch nie Maus und Tastatur geschwungen hat, für den ist die Einstiegshürde ungleich höher. Nur weil es jetzt einen lokalen Bezug dazu gibt, werden Mami, Papi und die Schwester wohl nicht jubelnd vor Twitch oder bei der ESL Cologne sitzen. Neue Fans kann dieser Ansatz also höchstens in zukünftigen Generationen generieren. Bis dahin heißt es abwarten und weiterspielen.

Bildquelle: ESL One Cologne

Quellen:
Marc 'kautz' K.
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